Damit es nicht vergessen wird

34 Jahre radioaktiver Unfall von Goiânia Online-Filmfest 13.-19. September

"Strahlenopfer melden sich zu Wort"

Das Internationale Uranium Film Festival erinnert in diesem Jahr an den schlimmsten radiologischen Unfall Lateinamerikas, der sich am 13. September 1987 in der Stadt Goiânia in Zentralbrasilien ereignete. Vom 13. bis 19. September 2021 zeigt das Festival online und kostenlos acht Filme über diesen Unfall mit hochradioaktiven Cäsium-137. Das Festival will vor allem den Opfern des Cäsium-Unfalls eine Stimme geben, damit sie nicht vergessen werden. Auftakt machte am 13. September ein Live-Online-Event mit einem der überlebenden Strahlenopfer, Odesson Alves Ferreira, brasilianischen Filmemachern und Strahlenbiologe, Prof. Alphonse Kelecom. Rios Museum für Moderne Kunst (MAM Rio) unterstützt mit seinem Vimeo- und Youtube-Kanal das Festival. Die Filme werden alle kostenlos gezeigt, doch das Festival bittet um eine Spende, damit es weiter machen kann. Danke! Film links: https://vimeo.com/showcase/Cesio137
 

Festivalprogramm

 
 
Online-Event zum Cäsium-Unfall mit den Filmemachern Ângelo Lima, Benedito Ferreira, Michael Valim und Petrus Pires sowie Alphonse Kelecom Professor am Labor für Strahlenbiologie der Universidade Federal Fluminense (Mitglied der Jury des Uranium Film Festivals) und Odesson Alves Ferreira, Cäsium-137-Opfer und ehemaliger Präsident der Vereinigung der Cäsium-Opfer von Goiânia (Foto). Moderation: Marcia Gomes de Oliveira. (Live in Portugiesisch)
 

13. bis 19. September / Kostenloses Online-Screening

 
 
Schweden / Brasilien, 2009, Regie Lars Westman, Co-Produktion Zenildo Barreto. Dokumentarfilm, 70 min, Portugiesisch / Schwedisch mit deutschen Untertiteln - Ein unvergleichliches Geschichtsdokument über den schlimmsten radioaktiven Unfall in Lateinamerika und die Aufräumarbeiten. Im September 1987 verletzten und kontaminierten 19 Gramm radioaktives Cäsium-137 eines Strahlentherapiegeräts Hunderte von Menschen und produzierten 6.000 Tonnen Atommüll in der Stadt Goiânia. Der schwedische TV-Journalist Lars Westman traf kurz nach der offiziellen Anerkennung des radioaktiven Unfalls in Goiânia ein und sammelte beeindruckende Bilder vor Ort und Berichte von Augenzeugen und Opfer. Lars besuchte die überlebenden Opfer in den folgenden Jahren zweimal für seinen Film. Einer der Interviewpartner, Ivo Alves Ferreira, starb Tage nach der letzten Aufnahme.
 
Lars Westman wurde am 27. September 1938 in Östersund, Schweden, geboren. 1963 studierte er Kunst an der Universität Stockholm und besuchte 1969 die schwedische Fernsehproduktionsschule. Fast 50 Jahre lang arbeitete er hauptsächlich für das skandinavische Fernsehen. Mehr als 280 seiner TV-Reportagen und Dokumentationen wurden in Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Frankreich und den USA ausgestrahlt und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Sein Hauptthema ist „Leben und Tod“. 
 
 
Brasilien, 2021, Regie und Produktion Márcia Gomes de Oliveira und Norbert G. Suchanek, ein filmisches Interview, Deutsch & Portugiesisch mit Untertiteln in Englisch und Deutsch. 30 min - Odesson Alves Ferreira hätte jeder von uns sein können. Ungewollt bekommt er Kontakt mit Cäsium 137. Seine Familie war die am schwersten betroffene Familien in Goiânia. Es war sein Bruder, der Besitzer eines Schrottplatzes, der die Bleikapsel eines alten Strahlentherapiegeräts kaufte und das die schlimmste radioaktive Verseuchung Lateinamerikas verursachte. Odesson hat die Strahlung überlebt und kämpft seit Beginn der Tragödie für die Rechte der Cäsium-Opfe. 30 Jahre nach dem Unfall reiste Odesson Alves Ferreira nach Berlin, um beim Internationalen Uranium Film Festival 2017 den Ehrenpreis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. In einem Interview erinnert sich Odesson an unvergessliche Szenen des Unfalls.
 
 
Brasilien, 2003, Regie Ângelo Lima, Spielfilm, ohne Dialog, 4 min - Leide das Neves Ferreira war das erste tödliche Opfer des radioaktiven Unfalls in Goiânia mit Cäsium-137. Leide spielte während dem Abendessen mit dem leuchtenden Cäsium-137-Pulver und schluckte es ungewollt mit dem Essen. Sie war ein 6-jähriges Kind. Wo sind ihre Träume geblieben? Leide das Neves hatte keine Zeit zum Spielen. Einführende Worte von Leopoldo Nunes.
 
 
Brasilien, 2008, Regie Ângelo Lima, Dokumentarfilm, Portugiesisch mit englischen oder deutschen Untertiteln, 30 min - 1987 ereignete sich in Goiânia einer der größten radiologischen Unfälle der Welt. Opfer erzählen, wie es war und wie sie heute leben. Wessen Schuld war dieser Unfall? Was tut die Regierung, um den direkt betroffenen Opfern zu helfen? Angst und Stille eroberten eine Stadt.
 
Ângelo Lima ist Regisseur, Produzent und Fotograf. In Recife (Pernambuco) geboren, kam er 1959 im Alter von 8 Jahren im Bundesstaat Goiás an. Mit 16 Jahren betrat Ângelo Lima mit seinem ersten Kurzfilm offiziell die Welt des Filmemachens. Heute blickt er auf eine fast 50-jährige Filmkarriere zurück. Seine Filme nahmen an mehr als 280 Filmfestivals auf der ganzen Welt teil und wurden zweimal beim größten Umweltfilmfestival Lateinamerikas (FICA ) in Goiás Stadt ausgezeichnet. 2014 erhielt der Regisseur den Titel „Bürger von Goiás“.
 
 
Brasilien, 2003, Regisseur Luiz Eduardo Jorge, Produzentin Laura Pires, Dokumentarfilm, Portugiesisch, 24 min - Der Film zeigt die Tragödie in der Stadt Goiânia im Jahr 1987, die durch das radioaktive Element Cäsium-137 verursacht wurde. Der Film thematisiert die Folgen derjenigen, die direkt oder indirekt Cäsium-137 ausgesetzt waren und hebt die mangelnde Vorbereitung derjenigen hervor, die solche Unfälle verhindern oder eindämmen sollten. Der Mangel an Informationen nährt bis heute die Stigmatisierung der überlebenden Opfer und der Bewohner des damals verseuchten Viertels. Der Film Publikumspreis Bester Kurzfilm des Internationalen Uranium Film Festival Rio de Janeiro 2011.
 
Luiz Eduardo Jorge, studierte Kommunikationswissenschaften und visuelle Anthropologie. Er war Filmemacher, Autor und Professor an der Katholischen Universität Goiás. Er führte bei 18 Filmen mit sozialen, historischen und kulturellen Themen Regie und erhielt mehrere Auszeichnungen in Brasilien. Luiz Eduardo Jorge ist 2017 verstorben. Er sagte über sich selbst: "Ich wurde kurz vor der brasilianischen Diktatur geboren. Ich habe zwanzig Jahre unter der Militärherrschaft gelebt. Meine Filmarbeit basiert auf meinem Engagement für politische Militanz. Ich will autentisch sein und arbeite mit dem Kino der Wahrheit.“
 
 
Brasilien, 1989, Regisseur Roberto Pires, Produzentin Laura Pires, Darsteller: Nelson Xavier, Joana Fomm, Paulo Betti, Denise Milfond und Stepan Nercessian, Spielfilm, Portugiesich, 95 min - Dieser mit brasilianischen TV-Stars gedrehte Spielfilm basiert auf den Fakten des radioaktiven Unfalls in Goiânia und wurde am Ort des Geschehens gefilmt. Zwei junge Schrottsammler finden eine schwere Bleikapsel. Sie dachten, sie könnten damit Geld verdienen. Tage später begannen sie sich krank zu fühlen und beschlossen, die Kapsel an einen Schrotthändler zu verkaufen. Devair, der Besitzer des Schrottplatzes, öffnete die Kapsel und entdeckte darin ein seltsames Pulver, das nachts blaues Licht ausstrahlte. Er zeigte es Freunden und Familie. Es war Cäsium-137, das Hunderte von Menschen verstrahlte und eine unbekannte Zahl von Toten hinterließ. Der Spielfilm erhielt mehrere nationale und internationale Auszeichnungen, darunter den Publikumspreis des Internationalen Uranium Film Festival Rio de Janeiro 2011. Wir zeigen erstmals die neue restaurierte Version des Filmes. Einführende Worte von den Schauspielern Paulo Betti, Denise Milfond e Stepan Nercessian. Leider konnte dieser Film noch nicht übersetzt werden.
 
Roberto Pires:  Regisseur Roberto Pires wurde 1934 in Salvador, Bahia, geboren. Er war der erste brasilianische Filmemacher, der die Nutzung der Atomkraft in Frage stellte und den berühmten Atomphysiker César Lattes als technischen Berater für seine ersten Filme beauftragte. Als 1987 in Goiânia der Unfall mit Cäsium 137 passierte, war Roberto Pires im benachbarten Brasília auf Sponsorensuchen für seinen zweiten Atom-Film. Der Filmemacher fuhr sofort nach Goiânia, recherchierte vor Ort und interviewte Cäsium-Opfer und Zeugen. Robertos Freunde und Familie glauben, daß er selbst zum Cäsium-Opfer wurde. Denn kurz nachdem er seinen spontant entstandenen Spielfilm „Der Albtraum von Goiânia“ beendet hatte, erkrankte er schwer an Halskrebs. Nach langer Leidenszeit starb Roberto Pires im Juni 2001.
 
 
Brasilien, 2017, Regisseur Benedito Ferreira. Spielfilm, Portugiesisch mit englischen Untertiteln, 23 min - Großmutter und Enkelin leben im Zentrum von Goiânia neben einem der Orte, der stark mit Cäsium-137-Unfall kontaminiert wurde. Doch sie müssen wegziehen, denn ihr Haus soll demnächst abgerissen werden, um einem Cäsium-Unfall-Museum Platz zu machen.  „Algo do que fica" ist eine persönliche und einfühlsame Reflexion über den radioaktiven Unfall 1987 in Goiânia, die bis heute schlimmste Nuklearkatastrophe Brasiliens und Lateinamerikas.
Der Film erhielt den Preis "bester Kurzfilm" des Umweltfilmfestivals FICA in Goiás und den Kurzfilmpreis des Internationalen Uranium Film Festivals 2017. Benedito Ferreira hob in seiner Preisrede die fehlende Diskussion über den Cäsium-Unfall hervor: „ Wir sollten mehr über den Unfall besprechen. Wir müssen die Erinnerung wach halten, damit so etwas nie wieder passiert.“
 
Benedito Ferreira: Der 1989 im Bundesstaat Goiás geborene Regisseur stammt aus Goiânia. Er schloss sein Film- und Kunststudium an der staatlichen Universität von Goiás ab und ist derzeit Doktorand für Kunst an der Staatsuniversität von Rio de Janeiro. In den letzten Jahren arbeitete er an Projekten mit dem Museum für Moderne Kunst von Goiás und Kunstinstitutionen in Portugal), Frankreich), Deutschland und Südkorea. www.beneditoferreira.com
 
 
Brasilien, 2011, Regisseur Michael Valim. Videokunst / Modern Dance und Musical Performance, ohne Dialog, 9 min - Zu den Aufgaben der Kunst gehört es, Dinge ans Licht zu bringen, die das Gedächtnis der Stadt zu verbergen versucht. Um an den Unfall mit Cäsium 137 zu erinnern, wählte die moderne Tanzgruppe 2011 einen ganz besonderen Ort für ihren Auftritt im Zentrum von Goiânia: Straße 57, Hausnummer 60.  Im September 1987 war dieser Platz im Zentrum einer Millionenstadt einer der radioaktivsten Orte der Welt. 
Die einst hier stehenden Häuser wurden abgerissen, die oberste Erdschicht abgetragen und alles zusammen als "Atommüll" in Fässern verpackt und in ein „Endlager“ in einem Vorort von Goiânia gebracht. Weil der Boden aber trotzdem noch zu radioaktiv war, wurde er mit einer 50 Zentimeter dicken Zementschicht abgedeckt. Bis heute zeugt diese zementierte Lücke im Zentrum von Goiânia wie eine offene Wunde vom schlimmsten radioaktiven Unfall Brasiliens.
 
Michael Valim hat Kunstphilosophie, Soziale Kommunikation, Radio- und Fernsehproduktion studiert und hält einen Master in Menschenrechten an der Bundesuniversität von Goiás. Er arbeitet seit 1977 im Bereich Kunst und Kultur, insbesondere audiovisuelle Kommunikation, Theater und Tanz in der Stadt Goiânia. Michael Valim sagte über seinen Film: „Ich wurde von der Gruppe Vida Seca und der Tanzgruppe ¿Por Quá? eingeladen, bei dem Film Regie zu führen. Ich habe mich dem Projekt angeschlossen, um ein politisches Statement zu der Tragödie abzugeben. Ein Volk ohne Gedächtnis ist dazu verdammt, die Fehler seiner Vergangenheit zu wiederholen.“
 

Mehr über den Cäsium-137-Unfall

Vor 34 Jahren, am 13. September 1987, finden zwei junge Männer auf der Suche nach Schrott in den ungesicherten Ruinen eines ehemaligen Instituts für Radiotherapie (Instituto Goiano de Radioterapia) in der Stadt Goiânia ein verlassenes Strahlentherapiegerät, das eine schwere Bleikapsel mit rund 19 Gramm Cäsium-137 enthielt. Ohne die Risiken von Radioaktivität oder gar den Namen "radioaktiv" zu kennen, nehmen sie die Kapsel heraus und schleppten sie per Schubkarre nach Hause. Sechs Tage später verkauften sie die Kapsel an einen Schrotthändler. Der neugierige Schrotthändler bricht die Kapsel auf und entdeckt das Kristallpulver, das im Dunkeln bläulich leuchtet, Cäsium-137-Chlorid – das Todesglühen! Erst am 29. September, als bereits Dutzende von Kranken mit seltsamen Symptomen die Krankenhäuser in Goiânia füllten, wurde Brasiliens Atombehörde auf den radioaktiven Unfall aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt war das Cäsium-137-schon weit über das Viertel verteilt. Hunderte von Menschen wurden verseucht und vermutlich Tausende unwissentlich harten Gammastrahlen ausgesetzt. Die Behörden erkannten offiziell nur vier Cäsium-137-Todesfälle an. Umfragen von Gewerkschaften und Vereinigungen der Überlebenden weisen jedoch auf mindestens 66 Tote und rund 1.400 infizierte Opfer hin.
 
Nur 19 Gramm Cäsium-137 verursachten nicht nur endloses Leid bei den Opfern, sondern erzeugten in Goiânia auch mehr als 6.000 Tonnen radioaktiven Abfall, der noch für 200 Jahre gefährlich ist. Er lagert heute in Abadia de Goiás, einem Vorort nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt Goiânia, in einem eigens dazu errichteten „Endlager für radioaktive Abfälle“. Cäsium-137 ist ein hochradioaktives und unnatürliches Nuklid mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Es ist ein Spaltprodukt von Uran-235 und entsteht bei der Explosion von Atombomben oder in Kernkraftwerken als radioaktiver Abfall. Anstatt es zu deponieren wurde Cäsium-137 jahrzehntelang weltweit verkauft, um Krebszellen zu bestrahlen. Die Strahlungsquelle des Goiânia-Unfalls soll in den USA im Oak Ridge National Laboratory hergestellt worden sein.  Mehr Informationen - Fotoausstellung "Der Cäsium-137-Unfall von Goiânia" hier! (Foto oben: Straße 57, Nummer 60 war im September 1987 einer der beiden radioaktivsten Orte in der Welt.)
 

Seit 2011 zeigt das Internationale Uranium Film Festival weltweit unabhängige Dokumentationen und Spielfilme über Atomkraft und radioaktive Risiken. Doch dazu braucht das unabhängige Filmfest Ihre Unterstützung und Spende. „Das Uranium Film Festival ist einzigartig, denn es versucht, das komplexe Thema Atomkraft und seine Risiken für alle zugänglich zu machen“, sagt Jörg Sommer, Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung.

 
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Kontakt in Berlin
Uranium Film Festival Berlin
Jutta Wunderlich
Tel. 0172-8927879
 
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